Der kleine Engel Benedikt – 27. Dezember

Der kleine Engel Benedikt
Gerlinde Bartels

Benedikt, der kleine Engel mit den roten Pausbäckchen war überglücklich. Dieses Jahr war er doch tatsächlich von der Himmelskommission, aus der Schar der Engel, für eine heißbegehrte Aufgabe ausgewählt worden, nämlich am Heiligen Abend dem Weihnachtsmann beim Verteilen der Geschenke zu helfen. Wirklich, überglücklich war er. Schon seit Wochen wurde in der Himmelswerkstatt über nichts anderes gesprochen als darüber, wer am 24. Dezember mit auf die Erde dürfte. Dem Weihnachtsmann zu helfen war etwas Tolles, etwas ganz Besonderes.
Schon die Fahrt mit dem Schlitten und den Rentieren davor – allen voran Rudolf – war ein außergewöhnliches Erlebnis. Klar war leider auch, daß viele kleine Engel gebraucht wurden um die Himmelswerkstatt wieder aufzuräumen, das Chaos zu beseitigen, das durch die Arbeiten für Weihnachten in den Werkstätten und in der Bäckerei entstanden war. Es mußten ja auch die Wolkenbetten aufgeschüttelt und die Sterne blank geputzt werden und viele Arbeiten mehr standen an. All die nicht immer geliebten Arbeiten, die aber irgendwann gemacht werden mußten.
Alle Kinder wissen, wovon hier die Rede ist. Und darum träumten alle Engel davon, einmal als Helfer des Weihnachtsmannes mit auf die Erde zu dürfen. Benedikt hatte es also geschafft, dieses Mal war er ausgesucht worden. Sein Glück war für ihn unfaßbar. Wo er doch dieses Jahr sehr oft bei der Weihnachtsbäckerei ermahnt worden war nicht so viel vom Teig und den Plätzchen zu naschen. Es war nicht so, daß der aufsichtsführende Engel es ihm nicht gönnte, jedoch waren die Wangen unseres kleinen Benedikts schon ganz schön gerundet und das Bäuchlein wurde auch ein wenig kugelig. Man kann sagen, Engel Benedikt war ganz groß darin, Sätze wie „Benedikt, gleich kriegst Du Bauchweh!“ zu überhören. Und die Rangelei mit seinem Freund, dem Engel Elias, weil dieser ihn „Mopsi“ genannt hatte, hatte er auch in die hinterste Schublade seines Denkens gepackt. All zu viele Ermahnungen bedeuten nichts Gutes, bedeuteten letzten Endes das Verbot einer Lieblingsbeschäftigung, meistens für eine ganz schön lange Zeit. Na, da hatte man wohl dieses Jahr ein Auge – wenn nicht sogar zwei – zugedrückt!Pünktlich am 24. Dezember stand der Schlitten mit den Rentieren, die mit den Hufen scharrten, vor dem Himmelstor. Viele Engel hatten sich versammelt, um ihnen nachzuwinken. Der Weihnachtsmann ließ die Peitsche knallen und mit lautem Schlittenglockengeläut ging es auf einem extrabreiten, glitzernden und glänzenden Mondstrahl hinunter auf die Erde. Rudolf versuchte sich in ein paar Extrasprüngen – er hatte wohl zu lange im Stall gestanden – was den Schlitten kurzfristig auf einen „Zick-Zack- Kurs“ brachte. Engel Benedikt fand das toll. Es würde ein langer Abend werden mit vielen Arbeitsstunden und so hatte der Weihnachtsbäckerei-Engel Engel Benedikt, die goldene Himmelsnaschdose voller köstlicher Leckereien, wie Marzipan- Kartoffeln, Schokoladenlebkuchen, Zimtsterne, Butterspekulatius zur Stärkung mitgegeben und beim Füllen hineingetan, was Engel Benedikt am liebsten mochte. Selig drückte er sie nun mit seinen dicken Patschhänden an sein Bäuchlein und kuschelte sich höchst zufrieden ein wenig an den Weihnachtsmann, um sich im nächsten Moment wieder kerzengerade aufzusetzen; schließlich war er als „Weihnachtsmann – Helfer – Engel“ schon beinahe ein großer Engel! Auf der Erde sah es so schön aus. Es schneite sacht – die dafür zuständigen Engel hatten wohl doch noch ein paar Tonnen voller Schnee im äußersten Winkel des Himmelsgefrierraumes gefunden. Der Schnee knirschte leise beim Betreten der Wege. Sanft leuchtete das Licht aus den Häusern und ließ den Schnee auf Straßen, Häusern und Bäumen glitzern. Kirchenglocken läuteten und verbreiteten eine festliche Stimmung. Sogar der Wind hatte sein ansonsten stürmisches Temperament gezügelt und war kaum spürbar. Engel Benedikt vermutete, er war auf dem Weg, sich zur Ruhe zu legen.Schon viele Stunden waren der Weihnachtsmann und sein kleiner Helfer unterwegs. Die Freude der Kinder, ihre glänzenden Augen, die friedliche Stimmung von alten und jungen Menschen, der milde Glanz der Kerzen aus den Wohnstubenfenstern hatte ihnen immer wieder neue Kraft gegeben. Jetzt hatten sie nur noch ein einziges nicht allzu großes Geschenk zu einer Wohnung im letzen Wohnblock einer Straße zu bringen.
Schon ein bißchen ermüdet gingen der Weihnachtsmann und Engel Benedikt am Fenster dieser Wohnung vorbei. Das Fenster war einen Spalt zum Lüften geöffnet worden. Engel Benedikt sah in das Wohnzimmer. Der Weihnachtsmann und er sahen ein Ehepaar mit einem kleinem etwa 7 Jahre alten Jungen. Der Junge sah sehr dünn und blaß aus und beide Eltern stützten ihn liebevoll, als sie vom Eßtisch zum Sofa gingen. Gerade beugte sich die Mutter über ihn und sagte: “ Was für ein Glück für uns, daß Du doch schon zu Weihnachten wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden konntest!“ „Ja Mama“ sagte der Junge, „das ist für mich das schönste Geschenk, mehr brauche ich eigentlich gar nicht.“ „Na, so ganz wird der Weihnachtsmann dich wohl nicht vergessen haben“, sagte der Vater zu seinem Sohn. Der Weihnachtsmann ging zur Wohnungstür um das kleine bescheidene Paket hinzulegen. „Hier, leg die Keksdose dazu“, flüstert der kleine Engel Benedikt und hob seine kleinen Arme mit den Köstlichkeiten in die Höhe um sie dem Weihnachtsmann zu geben. Es war sein voller Ernst und tat ihm eigentlich überhaupt nicht – na vielleicht ein winziges bißchen leid – was er aber ganz schnell unterdrückte. „Danke Bene, gut gemacht“, flüsterte der Weihnachtsmann und strich Engel Benedikt sacht über den Kopf. Die Wangen des kleinen Engels glühten vor Stolz. Bene hatte der Weihnachtsmann zu ihm gesagt. „Bene“ sagte sonst immer nur das Christkind zu ihm, wenn es ihn für besonders liebevolles Verhalten lobte.
Nachdem der Weihnachtsmann nun alle Geschenke verteilt hatte, begaben sich beide auf den Weg zum Rentierschlitten, um die Rückreise anzutreten. Sie kamen am Fenster vorbei und sahen, wie der Junge sich besonders über die Keksdose freute und rief: „Mama, Papa, guckt doch mal, wie sie glänzt und glitzert, und hmmm, hier probiert mal die Kekse, sie sind köstlicher, nein, einfach himmlisch!“ Der Weihnachtsmann und der kleine Engel lächelten sich an: „Wie recht er hat“ sagte der kleine Engel glücklich.

Jule, Jette und das Jesuskind – 20. Dezember

Jule, Jette und das Jesuskind
(c) Regina Meier zu Verl

Es ist Dezember. Im Dorf sind viele Fenster mit Lichtern geschmückt und in den Gärten gibt es schon so manchen Weihnachtsbaum, der eine Lichterkette trägt und am Abend im Glanz erstrahlt.
Jetzt fehlt eigentlich nur noch der Schnee, dann kann Weihnachten kommen. Jule und Jette sind schon aufgeregt, denn Weihnachten ist für sie das schönste Fest des Jahres. Das hat nichts mit den Geschenken zu tun, oder nur ein ganz kleines bisschen.
Jule und Jette sind Christkinder, das sagt jedenfalls die Oma. Sie sind am 24. Dezember geboren, alle beide, denn sie sind Zwillinge. Jule ist die Älteste, genau fünf Minuten vor ihrer Schwester erblickte sie das Licht der Welt und darauf ist sie besonders stolz.
„So ein Quatsch“, sagt Jette immer, „was sind schon fünf Minuten?“
Christkinder sind sie, weil der 24. Dezember der Geburtstag von Jesus Christus ist und deshalb haben die Eltern auch Namen gewählt, die mit J wie Jesus anfangen.
Die beiden Mädchen gleichen sich wie ein Haar dem anderen, nur ihre Eltern und Oma Hilde können sie sicher auseinander halten und Tante Sophie kann es nur, wenn eine von beiden anfängt zu reden.
In der kleinen Kirche ist schon ein Adventskranz aufgestellt worden. Am nächsten Sonntag wird die erste Kerze brennen und am Heiligabend stehen dann wieder zwei Weihnachtsbäume rechts und links vom Altar.
„Weißt du was, Jette, ich habe eine gute Idee“, sagt Jule am ersten Dezember zu ihrer Schwester.
„Lass hören!“, sagt Jette und schnappt sich einen Apfel, in den sie genüsslich hinein beißt.
„Wir bekommen doch immer so viele Geschenke, zum Geburtstag und zu Weihnachten…“
„Ja, das ist toll, und was ist damit?“
„Jesus hat doch auch Geburtstag und er bekommt nie etwas geschenkt, wir sollten ihm in diesem Jahr mal eine Freude machen.“
Jette kratzt sich am Kopf, das hilft beim Denken.
„Wie jetzt? Wie stellst du dir das denn vor, Jesus ist doch tot.“
„Stimmt, aber trotzdem ist er doch noch für uns da, wir beten doch jeden Abend zu ihm und weißt du noch, als Oma im letzten Jahr so krank war und Mama gesagt hat, dass sie bald sterben würde, da haben wir gebetet und Oma ist wieder gesund geworden.“
„Stimmt auch wieder, du hast Recht, wir sollten ihm was schenken. Fragt sich nur, was das sein sollte.“
Jules Augen leuchten, sie hat längst eine Idee gehabt und schon sprudelt sie los:
„Die beiden Weihnachtsbäume in der Kirche, die sind immer so nackt. Jede von uns bastelt Strohsterne für einen Baum und dann bringen wir sie am Tag vor Weihnachten in die Kirche und legen sie unter den Baum. Und wenn Jesus Christus sie haben möchte, dann werden sie am Heiligen Abend an den Bäumen hängen. Aber wir verraten keinem etwas davon, abgemacht?“
Jette ist Feuer und Flamme. Gleich am nächsten Tag nach der Schule gehen sie ins Bastelgeschäft und kaufen von ihrem Taschengeld Strohhalme und Kleber.
Jeden Abend verbringen sie in ihrem Zimmer und an der Tür hängt ein Schild „Bitte nicht stören“.
Manchmal stellt Mama ihnen einen Teller mit Keksen und Mandarinen vor die Tür, klopft kurz an und verschwindet dann wieder.
Am Tag vor Weihnachten sind alle Sterne fertig. Jette und Jule gehen zur Kirche und legen die Sterne, es sind genau dreißig Sterne für jeden Baum, unter die Bäume, die Morgen das erste Mal beleuchtet sein werden. Echte Kerzen schmücken die Zweige, der riesigen Tannen.
Dann gehen sie nach Hause und am Abend beten sie gemeinsam: Lieber Jesus Christus, wir haben dir ein Geschenk in die Kirche gelegt. Du wirst es schon finden. Nimm es an, wir sind so dankbar, dass du unsere Oma gesund gemacht hast und jetzt sind wir ganz gespannt, ob du unser Geschenk toll findest.
Peter Michels, der Kirchendiener geht am Morgen des Heiligen Abends noch einmal in die Kirche und schaut, ob alles bereit ist für die Feier am Nachmittag. Er legt das Jesuskind in die Krippe und stellt auch Maria und Josef auf, die in der Adventszeit noch nicht da waren. Dann überprüft er die Kerzen an den Weihnachtsbäumen. Sie müssen richtig fest in den Haltern stecken, damit es kein Unglück gibt, wenn sie am Abend angezündet werden.
Da entdeckt er zwei Pakete unter den Bäumen. „Für das Christkind“ steht drauf und Peter staunt. Wer mag das nur hingelegt haben, denkt er und schaut sich vorsichtig um, ob ihn auch niemand beobachtet. Keiner da, er öffnet die Pakete und findet die wunderschönen Strohsterne darin. Kurz entschlossen holt er noch einmal die große Leiter und schmückt die beiden Kirchentannen mit den Sternen.
Zufrieden betrachtet er sein Werk, dann fährt er nach Hause, wo seine Frau auf ihn wartet.

Als es dunkel wird, läuten die Glocken und die Einwohner des Dorfes gehen zur Kirche. Jette und Jule sind furchtbar aufgeregt.
Sie betreten die festlich erleuchtete Kirche und trauen ihren Augen nicht. Alle Sterne hängen an den Weihnachtsbäumen und das sieht so schön aus, dass die Leute „Aah und Oh, schaut mal“ sagen.
„Danke, lieber Herr Jesus“, sagt Jule zuerst, weil sie ja die Ältere ist und Jette schließt sich an, „Ja, sag ich auch mal, danke!“

Mit freundlicher Genehmigung von Regina Meier zu Verl.

Als die kleine Schneeflocke ‚leise rieselte‘ – 1. Dezember

Als die kleine Schneeflocke ‚leise rieselte’

Lange hat die kleine Schneeflocke gewartet. Heute endlich wollte sie auch auf die Erde hinab wirbeln.
„Du musst noch warten“, sagte die Wolke. „In der Stadt unter uns ist es zu warm für dich.“
„Stimmt nicht! Ich höre Musik und ich höre Gesang: ‚Leise rieselt der Schnee’. Hörst du? Also werde ich nun leise rieseln.“
Schnell machte sich die kleine Schneeflocke auf den Weg, den bunten Lichtern und liebliche Melodien entgegen.
„Leise riesle ich heut vom Himmel hin zu den Leut’ …“ sang sie.
Fröhlich wirbelte sie durch die Luft, wiegte sich im Wind, tanzte mit einem Blatt.
Schließlich landete sie mitten auf einer dicken Nase. Sie gehörte zu dem Weihnachtsmann, der vor dem Kaufhaus stand und gerade gegen einen Niesreiz ankämpfte.
Auf und ab hüpfte die kleine Schneeflocke auf des Weihnachtsmannes Nase. Und warm war ihr. Sehr warm.
„Eine komische Welt ist das.“ Vor Aufregung begann sie zu schwitzen. Ihre Kristallarme wurden schwer und sie fühlte sich auf einmal so nass… ss… sss…
Schon hatte sich die übermütige Schneeflocke in einen Wassertropfen verwandelt und der tropfte von der Weihnachtsmannnase auf die Straße.
Die Schneeflocke war traurig. Sie ärgerte sich auch.
„Ich komme wieder“, rief sie und es schien fast, als drohte sie mit den Fäusten. „Ihr werdet es schon sehen!“
© Elke Bräunling

Kristanella und das Wintergewitter – 29. November

Kristanella und das Wintergewitter

von Elke Bräunling

Der Schneekönig ist ein glücklicher König. Zwölf Töchter und zwölf Söhne hat er. Das sind die Schneeprinzessinnen und Schneeprinzen. Der Schneekönig liebt seine Kinder über alles, und manchmal verwöhnt er sie ein bisschen zu sehr.
„Lieber zu viel als zu wenig“, sagt er dann und lacht. „Ich habe sie doch so lieb, meine kleinen Prinzessinnen und Prinzen!“
Sein Lieblingskind aber ist seine jüngste Tochter, die Schneeprinzessin Kristanella. Er verwöhnt sie auch am meisten. „Sie ist noch so klein“, sagt er und nimmt Kristanella in seine Eisarme. „Und wie schön sie ist! Glitzerfunkelschön.“
Ja, der Schneekönig ist sehr stolz auf seine schöne, jüngste Tochter.
Einmal aber, vor vielen Jahren, war er gar nicht stolz auf sie, sondern sehr wütend. Es war das Jahr, in dem Kristanella zur rechten Schneeprinzessin werden und zum ersten Mal auf die Erde reisen sollte.
Die Kinder des Schneekönigs müssen nämlich auch arbeiten. Im Winter, wenn die Schneeflocken ihren Weg auf die Erde suchen. Da sind sie es, die den Flockengeistern den weiten Weg zur Erde zeigen und sie in Städte und Dörfer, auf Wiesen und Felder, in Täler, Wälder und auf Berge führen. Das ist ein hartes Stück Arbeit, und die Schneeprinzessinnen und Schneeprinzen haben viel zu tun. Nur Kristanella hatte lange Zeit keine Lust, mit ihrer Arbeit zu beginnen. Sie tanzte lieber mit den Flockengeistern über den Schneewolkenhimmel und sang mit kristallheller Stimme ihre Lieder.
„Lasst sie doch“, hatte der Schneekönig gesagt, wenn sich die Geschwister über Kristanella beschwerten. „Sie ist noch so jung. Und ihre Stimme! Ach, wie ich ihre Stimme liebe!“
„Aber sie ist faul“, riefen die Geschwister empört.
„Im nächsten Jahr wird sie mit ihrer Arbeit beginnen“, versprach der Schneekönig.
Das versprach er jedes Jahr, aber dann brachte er es doch nicht übers Herz, Kristanella zur Erde hinunter zu schicken.
Eines Tages aber war es soweit. „Dieses Jahr musst du auch arbeiten“, sagte er mit strenger Stimme zu Kristanella. „Es ist an der Zeit, dass eine rechte Schneeprinzessin aus dir wird.“
„Aber ich bin doch eine rechte Schneeprinzessin“, maulte Kristanella. „Ich möchte lieber mit meinen Flockengeistern über den Himmel toben. Das macht so viel Spaß! Ach, bitte, Vater. Lasst mich bleiben.“
Kristanella schmeichelte und schmeichelte, doch dieses Mal blieb der Schneekönig hart.
Er zeigte auf ein kleines Land mit hohen Bergen und weiten Wiesen. „Dort unten liegt dein Schneeland. Ich wünsche, dass es in diesem Winter prächtig weiß und tief verschneit ist.“
„Aber, ich …“, begann Kristanella, doch der Schneekönig ließ sie nicht aussprechen.
„Du gehst zur Erde und tust deine Pflicht. Basta!“ Und er schickte besonders viele Flockengeister mit den schönsten Schneeflocken und Eiskristallen zu Kristanella.
Die aber war wütend. „Keines meiner Flockengeister werde ich den Erdbewohnern schenken. Sie gehören mir ganz alleine.“ Sie lachte hell auf und tanzte mit ihren Flockengeistern über den Schneewolken. Sie tanzte und lachte und sang und freute sich. Schön war das Leben!
Der Schneekönig aber war wütend. Frostklirrewütend. Wenn er auf das kleine Land mit den welken Wiesen und kahlen Felsbergen sah, packte ihn der Ärger. Wo blieb Kristanella mit ihren Flockengeistern? Wo blieb der Schnee?
Das fragten sich auch die Kinder in dem kleinen Land.
„Warum schneit es dieses Jahr nicht?“, riefen sie traurig. „Wo bleibt der Schnee?“
Kristanella aber machte nur eine lange Nase, lachte, sang ihre Lieder und tanzte über den Himmel.
„Kristanella!“, rief der Schneekönig. „Tu deine Pflicht!“
„Pflicht? Hihihiiiii …“, gab Kristanella zur Antwort.
„Hihihiiiii ….“, kicherten auch die Flockengeister. „Schneien, hihi, das tun wir nie-ie-ie!“
Da brüllte der Schneekönig auf einmal los. So donnernd und laut, wie er noch nie in seinem Leben gebrüllt hatte. Der ganze Himmel zuckte zusammen, die Wolken bäumten sich auf und Blitze fuhren zischend zur Erde herab. Es donnerte und blitzte und dröhnte. Und der Schneekönig brüllte mit dröhnender Stimme:
„Kri-sta-nel-la! Kri-sta-nel-la! Auf zur Erde, dass es werde hell und heller, schneeweiß klar. Kri-sta-nel-la! Kri-sta-nel-la! Auf die Reise! Sei so weise, schnell und schneller, bist du da!“
Ein besonders heller Blitz zuckte auf, und Kristanella sah in seinem Licht das wütende Gesicht ihres Vaters. So wütend hatte sie ihn noch nie gesehen.
„Er scheint böse zu sein“, wisperte sie erschrocken.
Angst hatten auch die Menschen auf der Erde.
„Ein Wintergewitter“, sagten die Erwachsenen.
„Vielleicht schneit es endlich“, hofften die Kinder und klammerten sich ängstlich an ihre Eltern.
Auch Kristanella hatte auf einmal genauso viel Angst wie die Kinder und sie rief eilig ihre Flockengeister herbei. „Auf, auf, lasst uns zur Erde ziehen!“
Und schon wirbelten die ersten Schneeflocken vom Himmel.
„Es schneit!“, riefen die Kinder. „Juchhu! Es schneit!“ Und fröhlich rannten sie in das Schneeflockengestöber hinaus.
Zufrieden sah der Schneekönig zur Erde hinab.
„Na also“, brummte er, und es klang wie ein leises, fernes Donnergrollen. „Wozu ein Gewitter doch manchmal gut ist.“ Er lächelte und zog sich auf seinen Thron zurück.
Kristanella aber lächelte nicht. Traurig nahm sie von ihren Flockengeistern Abschied.
Als sie aber sah, wie sich die Kinder über ihren Schnee freuten, war sie getröstet. Und, ehrlich, schön sah das kleine Land im weißen Schneekleid aus. Stolz begutachtete Kristanella ihr Werk. Und hatten nicht die Flockengeister zum Abschied „Wir-sehen-uns-im-nächsten-Winter-wieder?“, gerufen? Wenn das stimmte …!?
Kristanella war nicht länger traurig. Fröhlich blickte sie über das kleine Schneeland und sang mit heller, kristallklarer Stimme: „Im nächsten Winter sehn wir uns wieder, ihr Flockengeister, und ich singe euch Lieder …“
Sie sang und sang, ja, und das tut sie seither jeden Winter.
Man kann sie hören, manchmal, an einem besonders hellen Wintertag, wenn die Sonne scheint und Schneesterne funkeln. Psst! Leise! Ohren spitzen!